Offener Brief

Naturschutz und Landeshaushalt

Auszug aus einem Briefwechsel von Dr. Holger Hunger und Dr. Franz-Josef Schiel, Naturschutzbüro INULA mit der Landtagsabgeordneten Anna Deparnay-Grunenberg:

Fachbüro → Anna Deparnay-Grunenberg
Erstes Schreiben

Naturschutz und Landeshaushalt

Zu Ihren Anmerkungen zu den haushalterischen Spielräumen möchten wir wie folgt Stellung nehmen. Dabei hoffen wir, dass das Land die Kommunen weiterhin durch geeignete Programme unterstützt (so gab es beispielsweise bis vor Kurzem eine 90%-Förderung für kommunale Biotopverbundpläne; dies wurde jedoch, von der Öffentlichkeit weitestgehend unbemerkt, in diesem Frühjahr eingestampft):

Rote Listen sind der wichtigste Gradmesser für den Zustand unserer heimischen Arten und ihrer Lebensräume.

Die in den vergangenen Jahren veröffentlichten neuen Roten Listen zeigen eine alarmierende Entwicklung: Die Biodiversitätskrise verschärft sich weiterhin.

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Fortsetzung des Originaltexts

Besonders deutlich ist dies bei den Schmetterlingen: Die Zahl der stark gefährdeten und vom Aussterben bedrohten Arten hat sich in der neuen Roten Liste aus dem Jahr 2023 gegenüber der Vorgängerversion mehr als verdoppelt. Auch bei den Wildbienen (Rote Liste 2023) hat sich die Zahl der vom Aussterben bedrohten Arten mehr als verdoppelt. Bei den Libellen, deren neue Rote Liste 2027 erscheinen wird, ist die Zahl vom Aussterben bedrohter Arten ebenfalls deutlich gestiegen. Diese Beispiele zeigen, dass der Verlust der biologischen Vielfalt trotz vieler engagierter Naturschutzmaßnahmen ungebremst voranschreitet.

Uns ist bewusst, dass der Landeshaushalt aufgrund der aktuellen Gesamtsituation unter starkem Druck steht. Aber Einsparungen im Bereich Naturschutz und Landschaftspflege können diesen Druck nicht wirksam lindern. Für Naturschutz und Landschaftspflege sind 2026 lediglich rund 120 Millionen Euro vorgesehen. Das entspricht gerade einmal 0,17 Prozent des Landeshaushalts – eine im Vergleich zu anderen Haushaltsposten verschwindend geringe Größenordnung.

Wie gering dieser Betrag ist, zeigt ein Vergleich: Der Aus- und Neubau der B33 zwischen Allensbach und Konstanz wird nach aktueller Kostenschätzung rund 612 Millionen Euro kosten – mehr als das Fünffache des gesamten jährlichen Naturschutzetats des Landes. Während Naturschutzmaßnahmen Landschaften und Lebensräume sichern und wiederherstellen, gehen durch den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur weiterhin wertvolle Böden und Lebensräume verloren. Landschaften werden zerschnitten, natürliche Wasserrückhalteräume reduziert und zusätzliche Flächen versiegelt – mit negativen Folgen für Artenvielfalt, Hochwasserschutz und Klimaanpassung.

Wirtschaftliche oder politische Krisen sind meist zeitlich begrenzt. Klima- und Biodiversitätskrise entwickeln sich hingegen langfristig und kumulativ. Jede versiegelte Fläche, jeder zerstörte Lebensraum und jede ausgestorbene Art verschärfen die Herausforderungen für kommende Generationen. Anders als viele andere Krisen lösen sich diese Probleme nicht mit der Zeit – ohne entschlossenes Handeln werden sie größer und ihre Bewältigung immer kostspieliger.

Die Erhaltung der biologischen Vielfalt ist zugleich Klima-, Hochwasser-, Boden- und Gesundheitsschutz. Wer die natürlichen Lebensgrundlagen künftiger Generationen sichern will, muss den Naturschutz endlich als zentrale Zukunftsinvestition begreifen und ihn im Landeshaushalt entsprechend ausstatten.

Deutschland fordert weltweit mehr Anstrengungen zum Schutz der biologischen Vielfalt – zu Recht. Umso konsequenter sollten wir auch im eigenen Land bereit sein, hierfür die notwendigen Mittel bereitzustellen. Ein Land wie Baden-Württemberg sollte sich nicht damit zufriedengeben, für den Schutz seiner natürlichen Lebensgrundlagen lediglich 0,17 Prozent seines Haushalts aufzuwenden. Deshalb fordern wir eine deutliche Erhöhung der Mittel für Naturschutz und Landschaftspflege, um dem fortschreitenden Verlust der biologischen Vielfalt wirksam entgegenzutreten.

Anna Deparnay-Grunenberg → Fachbüro
Antwort

Die Antwort: knappe Mittel als Rahmenbedingung

Anna Deparnay-Grunenberg erkannte an, dass die zusätzlich bereitgestellten Mittel die entstandenen Probleme nur teilweise entschärfen und dass sich die Folgen der kurzfristigen Kürzungen mitten in der Geländesaison nicht rückgängig machen lassen.

Eine grundsätzlich andere finanzpolitische Konsequenz zog sie daraus jedoch nicht. Im Mittelpunkt ihrer Antwort stand erneut, dass Veränderungen bei Förderprogrammen und Mittelausstattung künftig früher und transparenter kommuniziert werden müssten.

Damit wurden begrenzte finanzielle Spielräume weiterhin im Wesentlichen als gegebene Rahmenbedingung behandelt. Offen blieb die entscheidende politische Frage, ob der mit nur einem sehr kleinen Anteil des Landeshaushalts ausgestattete Naturschutz angesichts der fortschreitenden Biodiversitätskrise nicht grundsätzlich stärker finanziert werden müsste.

Die persönliche Korrespondenz veröffentlichen wir an dieser Stelle nicht. Genau an der offen gebliebenen Frage nach der politischen Prioritätensetzung setzt das folgende Schreiben des Fachbüros an.

Im August 2026 Fachbüro → Anna Deparnay-Grunenberg Aktuell
Erneute Nachfrage

„Das Problem liegt nicht allein in der Kommunikation“

Sehr geehrte Frau Deparnay-Grunenberg,

vielen Dank für Ihre erneute Rückmeldung.

Wir teilen Ihre Einschätzung ausdrücklich, dass aus der diesjährigen Situation die richtigen Lehren gezogen werden müssen und dass Veränderungen bei Förderprogrammen und Mittelausstattung künftig frühzeitig und transparent kommuniziert werden sollten. Allerdings greift dies aus unserer Sicht zu kurz. Das Problem liegt nicht allein in der Kommunikation, sondern vor allem darin, ob für den Naturschutz überhaupt ausreichend und verlässlich Mittel zur Verfügung gestellt werden. Die derzeitige Verteilung der zusätzlich bereitgestellten Gelder ist für uns jedoch nach wie vor nur schwer nachvollziehbar. Bei teilweise mehrjährigen Verträgen werden Kürzungen in sehr unterschiedlicher Höhe zurückgenommen. Eine Übersicht hierzu findet sich unter www.allianz-fuer-artenvielfalt.de.

Besonders problematisch finden wir, dass selbst bei Verträgen, die bis 2027 laufen, offenbar keine verlässliche Aussage dazu möglich ist, ob der vertraglich vereinbarte Leistungsumfang im kommenden Jahr wieder finanziert werden kann. Die Aussage, man „hoffe“, dies ermöglichen zu können, schafft keine Planungssicherheit. Für Fachbüros und andere Vertragspartner, die Personal beschäftigen und langfristig planen müssen, ist eine derart unverbindliche Perspektive ausgesprochen schwierig. Vor allem zeigt sie aber auch, dass das grundsätzliche Finanzierungsproblem keineswegs gelöst ist.

In unserer letzten Nachricht haben wir versucht deutlich zu machen, wie dramatisch sich der Zustand unserer biologischen Vielfalt entwickelt. Die aktuellen Roten Listen zeigen keine Stabilisierung, sondern bei zahlreichen Artengruppen eine weitere Verschärfung der Gefährdungssituation. Gleichzeitig stehen für Naturschutz und Landschaftspflege lediglich rund 0,18 % des Landeshaushalts zur Verfügung. Vor diesem Hintergrund fehlt uns in Ihrer Antwort eine konkrete Aussage zu der für uns entscheidenden Frage: Teilen Sie die Einschätzung, dass wir uns in einer sich weiter verschärfenden Biodiversitätskrise befinden und dass die bisherige finanzielle Ausstattung des Naturschutzes dieser Herausforderung nicht gerecht wird? Und werden Sie sich persönlich und innerhalb Ihrer Fraktion dafür einsetzen, den Etat für Naturschutz und Landschaftspflege in den kommenden Haushalten deutlich und dauerhaft zu erhöhen?

Wie bereits geschrieben, ist uns und den anderen Akteuren, mit denen wir im Naturschutz zusammenarbeiten, bewusst, dass die finanziellen Spielräume des Landes begrenzt sind. Letztlich ist ein Haushalt jedoch immer auch Ausdruck politischer Prioritäten. Bei einem Anteil von lediglich 0,18 % verstehen wir nicht, dass ausgerechnet beim Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen von kaum noch vorhandenen finanziellen Spielräumen gesprochen wird. Schäden an Ökosystemen können häufig nicht oder nur mit sehr viel höheren Kosten rückgängig gemacht werden. Bei uns entsteht deshalb zunehmend der Eindruck, dass die Dimension der Biodiversitätskrise und die Dringlichkeit des daraus resultierenden Handlungsbedarfs auf politischer Ebene noch nicht in ausreichendem Maße erkannt werden. Anders lässt sich für uns nur schwer erklären, weshalb der Naturschutz trotz der seit Jahren dokumentierten Verschärfung der Situation weiterhin mit einem derart geringen Anteil des Landeshaushalts auskommen soll.

Die aktuellen Vorgänge machen ein strukturelles Problem sichtbar: Naturschutzmaßnahmen benötigen Kontinuität, Fachwissen und langfristige Planung. Wenn selbst laufende mehrjährige Verträge kurzfristig massiv gekürzt werden und auch für das unmittelbar bevorstehende Jahr 2027 keine verlässliche Finanzierung zugesagt werden kann, steht dies im deutlichen Widerspruch zu diesem Erfordernis.

Die Allianz für Artenvielfalt ist weiterhin sehr aktiv. Wir möchten Sie deshalb nochmals herzlich bitten, die unter www.allianz-fuer-artenvielfalt.de zusammengetragenen Informationen und Stellungnahmen in Ihre weitere politische Arbeit einzubeziehen:

Wir würden uns sehr über eine konkrete Antwort auf die oben genannten Fragen freuen. Gerade angesichts Ihrer Funktionen im Landtag als Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft und zugleich Sprecherin Ihrer Fraktion für Naturschutz und Biodiversität wäre für uns von großem Interesse, wie Sie die Dramatik der gegenwärtigen Biodiversitätskrise persönlich einschätzen, welche politischen Konsequenzen Sie daraus ziehen und welche finanzielle Ausstattung des Naturschutzes Sie künftig für erforderlich halten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Holger Hunger und Dr. Franz-Josef Schiel