Einst war der Zitronenzeisig im Schwarzwald weit verbreitet. Innerhalb weniger Jahrzehnte brach sein Bestand um mehr als 97 Prozent ein. Heute zeigt ein intensives Rettungsprogramm: Selbst unmittelbar vor dem Verschwinden einer Art kann konsequenter Artenschutz noch etwas bewirken.

Der Zitronenzeisig (Carduelis citrinella) ist ein echter Europäer: Sein Verbreitungsgebiet ist auf Europa und dort auf die Gebirge West- und Mitteleuropas beschränkt. Die größten Vorkommen befinden sich heute in Spanien. Schwarzwald und Vogesen bilden den nördlichen Rand seines Verbreitungsgebietes.
In Baden-Württemberg war der kleine gelbgrüne Fink einst weit verbreitet. Er kam im gesamten Schwarzwald und sogar bis zur Schwäbischen Alb vor. Noch um 1985 lebten trotz bereits einsetzender Bestandsverluste mindestens 800 Brutpaare im Schwarzwald.
2021 waren davon nur noch rund 20 Paare im Südschwarzwald übrig. Innerhalb von rund 35 Jahren war der Bestand damit um über 97 Prozent zurückgegangen.
Wie wenig Zeit einer kleinen Restpopulation bleibt, zeigt der Nordschwarzwald. Dort vergingen vom Zustand einer bereits stark geschrumpften Population bis zum lokalen Aussterben nur wenige Jahre.
Deshalb geht es im Südschwarzwald zunächst um ein sehr unmittelbares Ziel: das Aussterben zu verhindern. Mittelfristig soll der Bestand wieder wachsen und neue geeignete Lebensräume besiedeln. Langfristiges Ziel sind wieder mehrere miteinander vernetzte Teilpopulationen im Schwarzwald.
Der Zitronenzeisig ist ein Vogel der hochmontanen und subalpinen Stufe. Sein Lebensraum liegt dort, wo Wald und hochwertiges Offenland ineinandergreifen: Bergweiden und Matten, lichte Waldränder, einzelne Nadelbäume und offene, niedrigwüchsige Bereiche bilden ein eng verzahntes Mosaik.
Gerade diese Verzahnung ist wichtig. Die Vögel suchen ihre Nahrung auf samenreichen, offenen und niedrigwüchsigen Flächen, nutzen aber gleichzeitig angrenzende Nadelbäume als Brut- und Rückzugsraum. Beobachtungen zeigen, dass besonders solche Weidebereiche intensiv genutzt werden, von denen die Tiere schnell in schützende Koniferen wechseln können.
Als Samenfresser sucht der Zitronenzeisig einen großen Teil seiner Nahrung am Boden. Nicht jede „grüne Wiese“ ist deshalb für ihn geeignet: Er braucht Flächen, auf denen geeignete Nahrungspflanzen wachsen und deren Samen für ihn auch erreichbar sind. Besonders wichtig sind während der Jungenaufzucht energiereiche Samen niedrigwüchsiger Pflanzen wie Löwenzahn. Dichte, verfilzte und grasdominierte Bestände können dagegen auf den ersten Blick intakt erscheinen, sind als Nahrungshabitat aber kaum noch geeignet.
Die Hauptursache des dramatischen Rückgangs ist der Verlust geeigneter Lebensräume. Die traditionelle Kulturlandschaft der Schwarzwaldhöhen war vielerorts offener, strukturreicher und stärker durch extensive Nutzung geprägt.
Mit Veränderungen der Landnutzung verschwanden genau jene Übergänge, offenen Bodenstellen und niedrigwüchsigen, nahrungsreichen Bereiche, von denen der Zitronenzeisig abhängig ist. Der Klimawandel kommt als zusätzlicher Belastungsfaktor hinzu.
Der Schutz einer so stark geschrumpften Population bedeutet deshalb zweierlei: Die verbliebenen Vögel müssen die nächsten Jahre überleben – gleichzeitig müssen ihre Lebensräume so verändert werden, dass sie langfristig wieder ohne Notmaßnahmen bestehen können.
Artenschutz unter Zeitdruck
2022 begann eine Vorstudie, 2023 startete das Rettungsprogramm intensiv. Von Anfang an war klar: Für langwieriges Abwarten blieb keine Zeit.
Schutzmaßnahmen, Monitoring und wissenschaftliche Auswertung mussten gleichzeitig beginnen. Neue Erkenntnisse sollten unmittelbar in die praktische Arbeit einfließen.
Das Projekt folgt deshalb einem adaptiven Ansatz: beobachten, handeln, die Wirkung kontrollieren und bei neuen Erkenntnissen schnell reagieren.
Im Zentrum des Rettungsprogramms steht die langfristige Verbesserung der Lebensräume. Waldränder werden umgestaltet, damit Wald und Offenland wieder stärker miteinander verzahnt sind. Im Grünland werden kleinflächig dichte Grasfilze entfernt und offene oder lückige Stellen geschaffen.
Solche Störstellen fördern geeignete Nahrungspflanzen und sorgen zugleich dafür, dass deren Samen für die Vögel am Boden erreichbar sind.
Doch Handarbeit mit Freischneidern kann keine ganze Berglandschaft dauerhaft offenhalten. Deshalb setzt das Projekt auch bei der Flächenbewirtschaftung an.
Ein zentraler Baustein ist die Veränderung der Beweidung. Unter anderem werden bisherige Schafweiden auf Rinderbeweidung umgestellt und brachgefallene Flächen wieder beweidet.
Besonders deutlich wird das am Zastler Kar. Dort wurde 2025 eine Fläche wieder in die Beweidung genommen, die seit den 1940er-Jahren brachgelegen hatte. Auf knapp 47 Hektar soll mit geringer Tierdichte eine extensive, strukturreiche Hochlagenweide entstehen.
Dabei wird bewusst auch Wald in die Weide einbezogen. So entsteht genau das Mosaik aus Offenland, Waldrändern und Gehölzen, das der Zitronenzeisig benötigt. Das Projekt gehört damit zugleich zu den großen Waldweideprojekten Baden-Württembergs.
Die Wiederherstellung geeigneter Lebensräume braucht Zeit. Zeit aber ist genau das, was eine Population von nur wenigen Brutpaaren kaum noch hat.
Deshalb setzt das Rettungsprogramm zusätzlich Maßnahmen ein, die für klassischen Artenschutz ungewöhnlich erscheinen können. Sie sollen die Restpopulation über die kritische Phase bringen, bis die langfristigen Lebensraummaßnahmen greifen.
Weil in den verbliebenen Lebensräumen zu wenig natürliche Nahrung verfügbar war, wurden Futterstellen eingerichtet. Sie werden während der Anwesenheitszeit der Vögel unterhalten und von den Zitronenzeisigen je nach Bedarf genutzt.
Die Fütterung ersetzt die Wiederherstellung natürlicher Nahrungshabitate ausdrücklich nicht. Sie soll verhindern, dass die Restpopulation verloren geht, bevor die langfristigen Maßnahmen ihre Wirkung entfalten können.
Kurz nach Beginn der intensiven Arbeiten wurde ein weiteres Problem sichtbar: Bei einzelnen Vögeln waren die Beine stark verdickt und verkrustet. Untersuchungen ergaben einen Befall mit parasitischen Milben – die sogenannte Kalkbeinräude.
Bei starkem Befall werden die Tiere erheblich geschwächt. Erkrankte Zitronenzeisige werden deshalb gezielt gefangen und behandelt.
Bereits eine einmalige Behandlung zeigte schnelle und nachhaltige Erfolge. Gerade bei einer Population aus nur wenigen Individuen kann die Rettung einzelner Vögel von Bedeutung sein.
Wie entwickelt sich eine Population, wenn nur noch wenige Tiere vorhanden sind? Wo halten sie sich auf? Wechseln sie zwischen den letzten Lebensräumen? Überleben behandelte Vögel? Und gibt es genügend Nachwuchs?
Um solche Fragen beantworten zu können, wird der Bestand außergewöhnlich intensiv überwacht. Dazu gehören Brutvogelkartierungen und Nestersuche, Synchronbeobachtungen, automatische Tonaufzeichnungen, Beobachtungen an Futterstellen und die individuelle Farbberingung der Vögel.
Die Farbringe ermöglichen es, einzelne Zitronenzeisige wiederzuerkennen. So lassen sich Überleben, Genesung, Populationsgröße und Bewegungen zwischen den verbliebenen Gebieten untersuchen. Diese Erkenntnisse fließen unmittelbar in die weitere Schutzplanung ein.
Die intensive Beobachtung brachte eine wichtige Erkenntnis: Die verbliebenen Teilgebiete sind nicht voneinander isoliert. Bei fast 1.800 Tagesbeobachtungen wurden insgesamt 370 Gebietswechsel registriert.
Die Vögel wechselten erstaunlich oft zwischen Feldberg, Grafenmatt und Belchen. Auch größere Distanzen können einzelne Tiere überwinden.
Geeignete Lebensräume wiederherzustellen und miteinander zu vernetzen ist deshalb keine theoretische Zukunftsvision: Die Zitronenzeisige können diese Verbindungen tatsächlich nutzen.
Noch vor wenigen Jahren zeigte die Entwicklung fast ausschließlich in eine Richtung: nach unten. Inzwischen gibt es erstmals vorsichtige Anzeichen einer Trendwende.
2025 wurden 17 Nester gefunden – so viele wie nie zuvor im Rahmen des Projekts. Die Projektbeteiligten bewerten diese Entwicklung bewusst vorsichtig, denn auch die zunehmende Erfahrung bei der Nestersuche kann einen Teil des Anstiegs erklären.
Deshalb werden die Ergebnisse mit weiteren Daten, beispielsweise aus der Beringung, abgeglichen.
Die Maßnahmen dienen nicht nur einer einzigen Vogelart. Strukturreiche Übergänge zwischen Bergwald und Offenland sind Lebensraum zahlreicher weiterer Tiere und Pflanzen.
Der Zitronenzeisig wirkt damit als eine Art „Dosenöffner“: Die intensive Rettung einer hochbedrohten Art hilft zugleich dabei, eine ganze Lebensgemeinschaft der Schwarzwaldhöhen zu erhalten.
Das Rettungsprogramm verbindet Artenkenntnis, wissenschaftliches Monitoring und praktische Landschaftspflege:
Das Programm wurde im Auftrag des Regierungspräsidiums Freiburg gemeinsam mit zahlreichen Partnern aufgebaut. Dazu gehören unter anderem der Nationalpark Schwarzwald, der Zoologische Stadtgarten Karlsruhe, die Artenschutzstiftung des Zoos Karlsruhe und der Alpenzoo Innsbruck. Finanziell unterstützt wurde das Rettungsprogramm unter anderem durch die Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg sowie die Stöckmann-Stiftung.
Gerade beim Zitronenzeisig zeigt sich, wie eng fachliche Betreuung und praktische Maßnahmen miteinander verbunden sind: Neue Erkenntnisse aus dem Monitoring können unmittelbar verändern, wo und wie geschützt, gepflegt oder beweidet wird.
Der Zitronenzeisig zeigt, dass das Ausserben einer Art selbst bei einem extrem kleinen Restbestand noch verhindert werden kann. Konsequenter, fachlich begleiteter Artenschutz, intensive Maßnahmenbetreuung und beherzte Maßnahmenumsetzung können viel bewirken – Dinge, die allerdings einer soliden Finanzierung bedürfen.
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Fotos und Grafiken auf dieser Seite: Dr. Ingmar Harry, Rene Apel